„Der geteilte Blick war für mich einfach nicht akzeptabel“
Interview mit Bernard Maitenaz, dem Erfinder der Varilux Gleitsichtgläser
Herr Maitenaz, wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, etwas so bahnbrechend Neues wie das Gleitsichtglas zu entwickeln?
Die Idee kam mir, als ich mir aus Neugier einmal die Bifokalbrille meines Vaters auf die Nase gesetzt hatte. Im oberen Teil der Linse war die Fernsicht gut und das Nahfenster erlaubte ebenfalls eine gute Sicht. Doch dazwischen gab es einen Sprung, der das Blickfeld zerschnitt und das Sehen unnatürlich und unbequem machte. Dieser geteilte Blick schien mir einfach nicht akzeptabel. Deshalb habe ich angefangen, Berechnungen für ein Glas anzustellen, dass einen stufenlosen Übergang zwischen Nah- und Fernsicht ermöglicht, zuerst privat und ganz alleine für mich.
Wie reagierte Ihr Umfeld auf dieses ebenso kühne wie ehrgeizige Vorhaben?
Im Rückblick erscheint die Idee tatsächlich sehr kühn – denn das Konzept eines sogenannten progressiven Glases widersprach damals allen anerkannten Grundsätzen der Augenoptik. Anfangs habe ich deshalb hauptsächlich Kopfschütteln geerntet. Aber sobald mein Projekt etwas konkreter wurde, hat mich mein Arbeitgeber Essel (heute Essilor) großartig unterstützt. Nachdem ich 1953 mein erstes Patent angemeldet hatte, bekam ich von Essel ein Projektteam zur Seite gestellt, das mich bei den Berechnungen des Brillenglases und der Entwicklung von Anlagen und Werkzeugen für die Fertigung unterstützte. Sie müssen bedenken, dass uns seinerzeit für die komplizierten Berechnungen keine Computer, sondern nur Papier, Stifte und Rechenschieber zur Verfügung standen. Und statt mit High-Tech-Kunststoffen arbeiteten wir mit sprödem Glas. Außerdem waren die damals vorhandenen Maschinen zur Herstellung von Gleitsichtgläsern völlig ungeeignet und die Augenoptiker wussten nicht, wie man diese Gläser korrekt einpasst. Als wir die Gleitsichtgläser 1959 der Öffentlichkeit vorstellten, waren wir uns im Klaren, dass es nicht leicht sein würde, den Markt von dem neuartigen Konzept zu überzeugen. Viele Jahre lang haben wir intensiv über die Funktionsweise des Gleitsichtglases und die korrekte Anpassung aufgeklärt.
Welche Bedenken schlugen Ihrer Erfindung anfangs entgegen?
Bei allen Gleitsichtgläsern tritt eine seitliche Verzerrung auf. Dies hielten die meisten Wissenschaftler, Ärzte und Augenoptiker für inakzeptabel. Ich habe schon damals entgegnet, dass das Sehen nicht nur im Auge, sondern vor allem auch im Kopf stattfindet. Mit ein wenig Gewöhnung ist unser Gehirn gut in der Lage, die Verzerrung am Bildrand „auszublenden“, so dass sie nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Bis sich dieser Gedanke durchsetzte, hat es jedoch eine ganze Weile gedauert.
Waren Sie sich von Beginn an der enormen Bedeutung Ihrer Erfindung bewusst?
Dass das Gleitsichtglas eine große Erleichterung für alterssichtige Brillenträger bringt, war mir schon frühzeitig klar. Aber natürlich konnte ich noch nicht absehen, wie großartig es sich weiterentwickeln würde. Denn dank der intensiven Forschung und Entwicklung sind die Varilux Gläser immer besser geworden und decken immer mehr individuelle Bedürfnisse ab.
Hätten Sie sich 1959 vorstellen können, dass man Gleitsichtgläser in topmodische Designer-Brillengestelle einbauen kann?
Ein besseres und komfortableres Sehen für alle Alterssichtigen – das war schon immer mein Ziel. Und dank der erfolgreichen Weiterentwicklung der Gleitsichtgläser lassen sich modernes Sehen und ein moderner Look heute ohne Weiteres vereinbaren. Progressive Gläser und Designer-Gestelle passen gut zusammen: Beide sind ein perfekter Ausdruck unseres heutigen Lebensgefühls.
Portrait
Bernard Maitenaz
Vom Maschinenbau-Ingenieur zum Generaldirektor von Essilor
Dass Bernard Maitenaz mit der Erfindung der Gleitsichtgläser einmal Millionen Menschen zu einem besseren Sehen verhelfen würde, ist einer glücklichen Fügung zu verdanken. Zunächst studierte der 1926 in Joinville bei Paris geborene Maitenaz Maschinenbau. Nur weil er sein Studium ein Jahr früher als vorgesehen beendet, belegt er noch einen Kurs an der höheren Fachschule für Augenoptik. Doch gerade sein Maschinenbau-Studium, so sagt er später, habe ihm geholfen, gegen alle Skepsis und Widerstände einen Weg zur Entwicklung der Gleitsichtgläser zu finden. Und natürlich harte Arbeit – für Maitenaz eine unverzichtbare Zutat für erfolgreiche Erfindungen, neben Ressourcen und einer Portion Glück.
Umfassende Unterstützung erfährt Maitenaz durch seinen Arbeitgeber Essel. Bei dem augenoptischen Unternehmen, das sich 1972 mit dem Konkurrenten Silor zu Essilor zusammenschließt, verbringt Maitenaz sein gesamtes Berufsleben – und macht eine atemberaubende Karriere. 1948 als Projektierungsingenieur eingestellt, steigt er in drei Jahren zum Leiter der Entwicklungsabteilung auf. 1953 wird er Technischer Direktor; ab 1972 leitet er den Bereich Forschung und Entwicklung. 1980 erreicht Maitenaz den Höhepunkt seiner Karriere: Als Generaldirektor macht er Essilor zum weltweit führenden Hersteller augenoptischer Produkte. Auch nach seiner Pensionierung 1991 steht er seinem Unternehmen mit Rat und Engagement zur Seite und nimmt regen Anteil an der Weiterentwicklung der Varilux Brillengläser.